Besondere Schwerpunkte der Lehre
Grundsätzlich sehen wir uns im FWBO primär einfach als Buddhisten und teilen mit allen anderen Buddhisten die gleichen Grundlehren und Prinzipien. Doch wir setzen, wie jede andere Schule, auch besondere Akzente.
(Die Darstellung einiger dieser Doktrin-Schwerpunkte im folgenden richtet sich vor allem an Menschen, die mit feineren Punkten der buddhistischen Lehre bereits vertraut sind. Daher werden manche Lehrbegriffe an dieser Stelle ohne nähere Erläuterung verwendet. Buddhismus-Neulinge mögen sich hiervon bitte nicht abschrecken lassen!)
Zufluchtnahme ist das Wichtigste
Wenn man fragt, was einen "echten" Buddhisten ausmacht, oder was das Wichtigste im Leben eines Buddhisten ist, sind verschiedene Antworten möglich. Sangharakshita hat immer betont, dass Zufluchtnahme das Allerwichtigste ist – also eine klare existenzielle, emotionale und verstandesmäßige Ausrichtung auf das Ideal der Erleuchtung, auf die Methoden, die der Buddhismus hierfür entwickelt hat und auf die spirituelle Gemeinschaft als Rahmen der Übung. Wenn ein Mensch sich nur aus vollem Herzen auf diese drei "Juwelen" ausrichtet und diese als höchsten Bezugspunkt für sein Leben wählt, kann er sicher gehen, dass er in seiner Übung kontinuierlichen Fortschritt machen wird. Zu sagen, dass der Akt der Zufluchtnahme das Wichtigste ist, heißt aber zugleich anzuerkennen, dass andere Dinge zweitrangig sind: ob etwa jemand als Mönch/Nonne oder als Laie lebt oder welche konkreten Praktiken man übt. Das soll keineswegs bedeuten, dass solche Entscheidungen unwichtig sind, aber sie leiten sich nach Auffassung des FWBO aus der Zufluchtnahme ab; das Wichtigste ist die Aufrichtigkeit und Intensität, mit der jemand Zuflucht zu den Drei Juwelen nimmt.
Das Bodhisattva-Ideal ist ein notwendiger Aspekt von Zufluchtnahme
Aus Sicht mancher buddhistischer Schulen ist Zufluchtnahme einer der ersten Schritte auf dem buddhistischen Übungspfad, und die Hinwendung zum radikal altruistischen Ideal des Bodhisattva, also zum Wunsch nach Erleuchtung zum Wohle aller Wesen, wird als eine höhere Stufe der Übung betrachtet. Im FWBO betrachten wir Zufluchtnahme aber nicht nur als eine Praktik "für den Anfang". Insofern Buddhaschaft die höchste Synthese von Weisheit und Mitgefühl darstellt, muss wirkliche Zufluchtnahme zum Ideal von Erleuchtung auch eine deutlich altruistische Dimension enthalten. Eine rein selbstbezogene Spiritualität ist ein Irrweg. Die Bemühung, das Bodhicitta hervorzubringen, ist demnach keine höhere oder zusätzliche Praktik im Leben eines Buddhisten, sondern die altruistische Dimension von Zufluchtnahme.
Stromeintritt ist in diesem Leben möglich
Sangharakshita hat immer betont, dass ernsthafte Praxis noch in diesem Leben Früchte tragen kann und wird. Als "Stromeintritt" bezeichnet die buddhistische Tradition jenen Punkt in der spirituellen Entwicklung, an dem der oder die Übende transzendente Einsicht erlangt und damit irreversibel auf dem Weg zur Erleuchtung ist. Auch wenn diese Erfahrung noch nicht mit der vollen Erleuchtung gleichzusetzen ist, hat der oder die Übende dann die Gewissheit, nicht mehr zurückfallen zu können. Sangharakshita ist der Überzeugung, dass es bei konsequenter und intensiver Übung möglich ist, noch in diesem Leben Stromeintritt zu erreichen, und hat seine SchülerInnen immer angespornt, dies ernsthaft anzustreben. Das Erwecken des Bodhicitta ist dabei mit dem Stromeintritt verbunden.
Die innere Einheit des Buddhismus
Manche Menschen betrachten die frühen Schulen des Buddhismus als die authentische Form der buddhistischen Lehre und die späteren Formen als Abweichung von der ursprünglichen Lehre. Andere wiederum betrachten die späteren Entwicklungen in der Geschichte des Buddhismus als "höhere" Lehren, die für die begabteren Schüler erteilt wurden. Im FWBO betrachten wir die Geschichte des Buddhismus eher als einen kontinuierlichen Versuch, den immer gleichen Wahrheiten immer neuen Ausdruck zu verleihen. In gewisser Weise könnte man sagen, dass der Buddhismus zu allen Zeiten und an allen Orten immer nur das Gleiche gesagt hat – aber in vielen verschiedenen Sprachen. Jede Lehre, jede Methode ist nur ein Hilfsmittel, ein "Fingerzeig", der zur unfassbaren Erfahrung von Erleuchtung weisen möchte, nicht diese höchste Erfahrung selbst. Und wie verschiedene Finger aus ganz unterschiedlichen Richtungen zu ein und demselben Mond zeigen können, so möchten die verschiedenen Lehren und Schulen auf unterschiedliche Weisen zur gleichen Erfahrung führen, die man Erleuchtung nennt.
Die Lehre vom bedingten Entstehen als grundlegende begriffliche Formulierung der Erleuchtungserfahrung
Das Wesen der Erleuchtungserfahrung ist nicht in Worte zu fassen, darüber sind sich alle Schulen einig. Und doch musste der Buddha zu Worten greifen, um zu versuchen, anderen die transzendente Einsicht zu vermitteln, die ihm zuteil geworden war. Als primären und damit grundlegendsten Ausdruck der Erleuchtungserfahrung auf der Ebene von Begriffen betrachten wir im FWBO die Lehre vom Bedingten Entstehen aller Phänomene (Sanskrit: pratitya-samutpada). Diese Lehre besagt, dass alle Phänomene – vom flüchtigsten Gedanken bis zu Galaxien – in Abhängigkeit von einer Fülle von Bedingungen entstehen und vergehen. Sie ist die allgemeinste Beschreibung der transzendenten Einsicht des Buddha, und damit das philosophische Fundament aller anderen Lehren. So können etwa die Vier Edlen Wahrheiten oder die Sunyata-Doktrin als Konkretisierung bzw. Ausarbeitung dieser Grundlehre betrachtet werden.
Die Bedeutung von Sangha
Im FWBO messen wir dem dritten der Drei Juwelen eine hohe Bedeutung bei. Wenn wir von Zufluchtnahme zum Sangha sprechen, meinen wir nicht nur die – relativ abstrakte – Hinwendung zum Arya-Sangha, also zur transzendenten Gemeinschaft von Erleuchteten, Bodhisattvas und Stromeingetretenen aller Zeiten. Zufluchtnahme zum Sangha muss auch in direktem, intensivem Kontakt mit anderen Übenden Ausdruck finden. Dabei wird im FWBO neben dem "vertikalen" Kontakt mit Lehrerinnen und Lehrern auch die "horizontale" Dimension spiritueller Freundschaft sehr hoch bewertet: Freundschaft unter Übenden auf dem gleichen Erfahrungsniveau wird von Anfängern bis zu erfahrenen Ordensangehörigen sehr ermutigt und gefördert. Diese Form spiritueller Freundschaft kann auch einer ungesunden Abhängigkeit vom Lehrer oder Guru entgegenwirken.