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Alt und doch ganz neu: Buddhismus in Indien

Meditationskurs in Indien

Foto © Karuna Trust

Obwohl Indien die Geburtsstätte des Buddhismus war, starb er vor etwa 800 Jahren dort nahezu völlig aus. Erst im vergangenen Jahrhundert erfuhr der Buddhismus in Indien eine spektakuläre Wiederbelebung, als in den 50er-Jahren Hunderttausende von Menschen im Rahmen von Massenkonversionen zum Buddhismus übertraten. Heute gibt es in Indien über zehn Millionen Buddhisten, von denen die meisten vormals "Unberührbare" waren, also Menschen auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Rangordnung. Um zu verstehen, was für diese Menschen der Buddhismus bedeutet, muss man die tiefgreifende Wirkung des traditionellen hinduistischen Kastensystems begreifen.


Der Hintergrund – das indische Kastensystem

Das hinduistische Kastensystem – ein "System abgestufter Ungleichheit" – spaltete jahrtausendelang die indische Gesellschaft. Die soziale Schicht oder Kaste, in die ein Mensch hineingeboren wurde, betrachtete man als sein verdientes Schicksal und seine Rolle und sein Wert waren dadurch lebenslang festgelegt. Die sogenannten "Unberührbaren" standen sogar noch unterhalb des ganzen Kastensystems und wurden so gering geachtet, dass jeder Kontakt mit ihnen, wie etwa das Teilen eines Brunnens, als 'verseuchend' galt. Bildung, Religion und die grundlegendsten Menschenrechte wurden ihnen verwehrt. Sie galten als Abschaum der Gesellschaft.

Als Indien politisch unabhängig wurde, stieg ein Mann namens Dr. Bhimrao Ambedkar zum politischen Vorkämpfer für die Rechte der Kastenlosen auf. Ambedkar entstammte selbst einer "unberührbaren" Kaste, doch es gelang ihm mit außerordentlicher Begabung und unsagbaren Anstrengungen, sich zu einem der Topjuristen Indiens zu entwickeln. Er wirkte maßgeblich am Entwurf der indischen Verfassung mit, die u.a. das Kastensystem abschaffte und alle Inder vor dem Gesetz gleich stellte.

Doch eine Form sozialer Unterdrückung legal abzuschaffen bedeutet noch lange nicht, ihre gesellschaftliche und psychologische Wirkung aufzuheben. Nach zahlreichen vergeblichen politischen Versuchen, das Stigma der Unberührbarkeit auszumerzen, erkannte Ambedkar, dass nur eine radikale Abkehr vom Hinduismus den vormals Unberührbaren langfristig helfen konnte, die tief im Bewusstsein verwurzelte Einstellung von Minderwertigkeit zu überwinden. Im Buddhismus fand er eine spirituelle Tradition, die die Würde und das unbegrenzte Potential jedes Menschen vertrat. Darum verließ er 1956 mit Hunderttausenden seiner Anhänger in einer historischen Konversionszeremonie den Hinduismus und trat zum Buddhismus über.

Die "neuen" Buddhisten Indiens

Für die "neuen" Buddhisten Indiens ist der Buddhismus daher viel mehr als nur eine religiöse Lehre unter anderen. Er ist für sie der Rettungsring, der ihnen zu einem wahren menschlichen Status verholfen hat. Er hat daher für sie eine viel stärkere soziale und politische Dimension als für Buddhisten im Westen.

1978 nahmen einige Angehörige des Westlichen Buddhistischen Ordens (WBO) mit diesen neuen Buddhisten Indiens Kontakt auf. Es zeigte sich schnell, dass qualifizierte spirituelle Unterweisung dringend erwünscht und nötig war. Der FWBO fand in Indien enorme Resonanz und ist dort mittlerweile unter dem Namen Trailokya Bauddha Mahasangha Sahayak Gana (TBMSG) fest etabliert. Etwa ein Viertel des Ordens, also derzeit über 300 Ordensangehörige, sind Inder. Die Dharma-Aktivitäten umfassen wie im Westen vor allem das Unterrichten von Meditation und Buddhismus in zahlreichen Stadt- und Retreatzentren. Um den Buddhismus in diesem, vom Westen so verschiedenen gesellschaftlichen Kontext erfolgreich umzusetzen, müssen aber auch neue Wege beschritten werden.

Besondere Akzente der Dharma-Aktivitäten in Indien

Sozialarbeit - Weil die meisten der indischen Buddhisten aus sozial benachteiligten Schichten stammen, ist soziales Engagement ein wesentlicher Bestandteil ihrer buddhistischen Praxis. In Indien ist Buddhismus viel weniger eine Privatangelegenheit des Einzelnen als im Westen, sondern wird als eine Kraft betrachtet, die auf die gesamte Gemeinschaft positiv und transformierend wirkt. Ein wichtiger Aspekt der FWBO-Gemeinschaften dort sind daher soziale Projekte, die von Kindergärten über medizinische Versorgung bis zu Berufsbildungsprogrammen reichen. (s. auch Karuna-Trust)

Würde stärken – der Buddhismus lehrt, dass jeder Mensch das volle Potenzial für Buddhaschaft besitzt. Um aber wirklich an dieses unermessliche eigene Potenzial glauben zu können, ist ein gewisses Maß an Selbstvertrauen nötig, ein Erleben der eigenen Würde. Der FWBO hat in Indien verschiedene Aktivitäten entwickelt, die gezielt dabei helfen sollen, die tiefverwurzelten Gefühle von Minderwertigkeit zu überwinden: Kulturelle Angebote helfen einer Gemeinschaft, eine eigene Identität und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen (durch Kindergärten und schulbegleitende Programme) schafft gute Startvoraussetzungen. Dies wird durch kulturelle Angebote für Kinder ergänzt, wie etwa Zeichen-, Schauspiel-, Rhetorikkurse. Karateunterricht für Kinder und Erwachsene hat sich bewährt, um die eigene Stärke und Standfestigkeit zu erleben. Alphabetisierungsprogramme für Erwachsene helfen, die Grundvoraussetzungen an Bildung zu erwerben.

Frauenförderung - Die Rolle von Frauen und Mädchen war jahrtausendelang von Unterordnung und Minderwertigkeit geprägt. Daher richten sich einige Angebote des TBMSG gezielt an Frauen: Ausbildungsprogramme für Frauen schaffen die Grundlage für wirtschaftliche Unabhängigkeit; besondere Retreats für Frauen vermitteln eine Erfahrung von Autonomie. Allein schon die Tatsache, dass im FWBO und im Orden selbst Frauen und Männer völlig gleichrangig praktizieren, fördert ein radikales Umdenken beider Geschlechter.

Asvagosha – Um auch Menschen zu erreichen, die durch ihr geringes Bildungsniveau keinen Zugang zu Büchern und dergleichen haben, ist die buddhistische Laienschauspielgruppe Asvagosha entstanden. Das Team von Ashvagosha reist in Dörfer und vermittelt buddhistische Werte und Lehren durch Gesang und Theaterspiel. Die gespielten Szenen setzen bei den ganz konkreten Problemen der Menschen an: Alkoholismus, Arbeitslosigkeit oder Gewalt gegen Frauen werden thematisiert und buddhistische Handlungsansätze aufgezeigt.

Die Landbevölkerung erreichen

Um Menschen in ländlichen Gegenden zu erreichen, reisen Ordensangehörige regelmäßig in die Dörfer und nehmen lange Wege in Kauf, um die Menschen vor Ort zuunterrichten.

Nähere Informationen finden Sie (in englischer Sprache) unter: www.karuna.org